Von Natur aus frei

Morgen Donnerstagabend referiert Prof. Dr. Martin Heisenberg im Rahmen der Veranstaltungsreihe Health and Life Sciences der Privaten Universität im Fürstentum Liechtenstein zum Thema «Von Natur aus frei – Über die biologischen Wurzeln der Freiheit im Verhalten der Tiere». Auf diesen Vortrag freuen wir uns.

Prof. Dr. Martin Heisenberg, Würzburg (D)
«Von Natur aus frei – Über die biologischen Wurzeln der Freiheit im Verhalten der Tiere»
Donnerstag, 25. November 2010, 19:30 Uhr
Guido Feger Saal, Musikschule, Triesen

Weitere Info auf der Website der Privaten Universität.

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La condition animale

Symposium vom 1. bis 4. Dezember 2010 in Schaan, Liechtenstein

Keine Unterscheidung hat wohl das Denken stärker geprägt als jene zwischen Mensch und Tier und ist — trotz einiger widersprechender Stimmen —  über Jahrhunderte nahezu unangezweifelt geblieben. Erst in jüngster Zeit haben Philosophen und Naturwissen-schaftler durch ihre Bemühungen, die mentalen Kapazitäten nicht-menschlicher Tiere und die Struktur ihrer Welterfahrung zu verstehen, ein Bewusstsein dafür geschaffen, dass die Mensch/Tier-Unterscheidung komplexer ist, als bisher angenommen. Gleichzeitig hat sich die Frage nach unseren moralischen Pflichten gegenüber den Tieren aufgedrängt.

Die kognitive Verhaltensforschung hat in den letzten dreißig Jahren zunehmend den lange tonangebenden  Behaviorismus in Frage gestellt und zu bedenken gegeben, dass nicht-menschliche Tiere über ausgeprägte soziale Verhaltensweisen und Kommunikationsfähig-keiten verfügen, deren Komplexität sich nicht im simplen Schema von Reiz und Reaktion erfassen lässt. Ob Biber und Bienen—um nur zwei in der Philosophiegeschichte immer wieder angeführte Beispiele scheinbar intentionalen Verhaltens zu erwähnen — sich als mehr oder weniger vorprogrammierte Lebewesen verstehen lassen, die in voraussagbarer Weise auf ihre Umweltbedingungen reagieren, scheint heute fraglicher denn je. Die lange Tradition von Versuchen, eine klare Grenzlinie zwischen nicht-menschlichen und menschli-chen Tieren — wir sollten nicht vergessen, dass wir, biologisch gesprochen, nichts anderes sind — zu ziehen, nimmt sich aus wie ein einziges Rückzugsgefecht. Weder Werkzeug-gebrauch noch Sprachbeherrschung können heute ohne in ihrer Tragweite noch kaum absehbare zusätzliche Qualifikationen als eindeutiges Unterscheidungsmerkmal dienen. Nicht nur die nächsten Verwandten des Menschen, die Primaten oder so genannten Menschenaffen, sondern auch Meeressäuger und eine Anzahl von Vogelarten verfügen über ausgeprägte sprachliche Fähigkeiten. Ihre Sprachäußerungen lassen sich nicht auf bloße “Naturlaute” reduzieren. Langjährige Experimente mit Menschenaffen und anderen Arten haben gezeigt, dass die symbolische Kommunikation nicht das ausschließliche Privileg des Menschen ist.

Aus diesen neueren Erkenntnissen ergeben sich tief greifende Konsequenzen. Es geht nicht nur darum, den menschlichen Umgang mit Tieren zu überdenken, sondern weit radikaler die Tiere als mit uns in der Welt existierende Lebewesen anzuerkennen. Unter dieser Voraussetzung lässt sich der Herrschaftsanspruch des Menschen über die Tiere (und die Natur insgesamt), wie er in der jüdisch-christlichen genauso wie in der griechischen Tradition etabliert wurde, nicht länger aufrecht halten. Neue Konzepte des Zusammen-Existierens drängen sich daher aus wissenschaftlicher und moral-philosophischer Sicht auf. Besonders die neuere Philosophie und die Literatur haben dazu bereits wegweisende Impulse gegeben.

Unsere Tagung möchte der Frage des Tiers und des Animalischen aus verschiedenen Perspektiven nachgehen. Naturwissenschaftler und Philosophen, Kulturwissenschaftler und Historiker, Künstler und Literaten, Theoretiker und Praktiker im Umgang mit Tieren sind eingeladen, sich Gedanken zum Tier zu machen. Wie ist es, ein Tier zu sein? Inwieweit sind wir Tier bzw. Mensch? Was können wir davon wissen? Und wie können wir wissen, was wir zu wissen glauben? Und: Was schulden wir den nichtmenschlichen Tieren? Diese und ähnliche Fragen sollen der Tagung zur Orientierung dienen.

La condition animale

Arguably, no distinction has determined thinking more than the one between the human and the animal.  For centuries, this binarism has remained canonical and largely unquestioned, in spite of a number of opposing voices.  In recent times, scientists and philosophers have become increasingly aware of the hitherto neglected complexity of the human/animal divide when they attempted to understand the mental capacities of non-human animals as well as the structure of their experience of the world.  In tandem with ontological and epistemological insights, the question concerning our moral duties towards animals has become relevant.

Over the past thirty years or so, cognitive ethology has questioned the assumptions of behaviorism that had dominated for most of the twentieth century.  Instead of reducing animal behavior to mere stimuli and responses, the new paradigm was focused on the remarkably diversified social behavior and communicative abilities of different non-human animals that eluded a strictly behaviorist perspective.  Whether bees or beavers—to name two agents of apparent intentional behavior that have frequently been cited in the history of philosophy—can be understood as more or less preprogrammed life forms that react in a predictable way to changes in their environmental conditions, seems highly questionable today.  The long tradition of attempts to draw a clear boundary between non-human and human animals increasingly looks like a prolonged rearguard action.  Neither tool nor language use in themselves provide a sufficient criterion; they stand in need of additional qualifications whose effectiveness and range is hard to predict.  Primates as well as marine mammals and a number of bird species possess pronounced linguistic abilities.  Their utterances are not reducible to mere so-called “cries of nature.”  Long-term observation of primates and other species have shown that symbolic communication is not the exclusive privilege of humans.

These more recent insights have far-reaching consequences.  They are not limited to the human treatment of animals in general.  A more radical rethinking of human and animal coexistence in the world is required.  Under these conditions, the dominion of man over the animals (and nature in its entirety) as proclaimed in the Judeo-Christian as well as the Greek tradition can no longer be taken for granted.  From a scientific and a moral-philosophical perspective, the development of new conceptions of coexistence has become urgent.  Resources and impulses for such conceptions can be found especially in philosophical and literary texts.

Our symposium is intended as a multi-contextual and transdisciplinary investigation of the question of the animal.  Scientists and philosophers, cultural critics and historians, artists and writers, theorists and practitioners are invited to reflect on the animal and their relation to animals.  How does it feel to be (a particular) animal?  To what degree are we animal or human?  What can we know about “being animal”?  How do we know what we think we know?  And finally, what obligations do we have to animals?  These and related questions will serve as an orientation for our symposium.

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